"Die Zensur ist berlebt, nutzlos, paradox, menschen- und volksfeinsdlich, ungesetzlich und strafbar: Die Rede von Christoph Hein auf dem X. Schriftstellerkongreá der DDR." Die  Zeit. Nr. 50 (4.12.1987). Pp. 57-59. 57. "Und die Wirkungen [der Literatur] sind, wie Immanuel Kant bemerkt, sehr viel weniger dem `„useren Ding', dem Buch geschuldet als der Verfassung des Konsumenten, des Lesers. Die Wirkungen, die Literatur hervorruft, sind fast immer berraschend und h„ufig unvorsehbar. Von den Wirkungen l„át sich nur bedingt auf das Buch schlieáen, aber unbedingt auf den Leser. Beifall und Ablehnung, Begeisterung und Langeweile, moralische und politische Wertungen offenbaren einiges ber das jeweilige buch, sie erhellen stets den Urteilenden." "Bcher haben ihre Schicksale, und diese beruhen allein auf ihren Wirkungen. Die Schicksale der Bcher erz„hlen von den Lesern, sprechen von ihrem Mut und ihrem Feigheit, ihrem Rckgrat oder Opportunismus, ihrem Kunstverst„ndnis, ihrer Kultur und Bildung. Unabh„ngig vom literarischen, gesellschaftlichen und politischen Wert eines Buches geben uns seine Wirkungen Auskunft ber seinen Leser. Die im Vergleich mit allen anderen Medien so unaufdringlich wirkenden Bcher entbl”áen ihren Leser." "Autoren k”nnen mitleidig, arglos, freundlich und nachsichtig sein, Bcher sind es nie. Sie verraten ihren Urheber, und sie verraten -- mittels ihrer Wirkungen -- den Leser." "Das Genehmigungsverfahren, die Staatliche Aufsicht, krzer und nicht weniger klar gesagt: die Zensur der Verlage und Bcher, der Verleger und Autoren ist berlebt, nutzlos, paradox, menschenfeindlich, volksfeindlich, ungesetzlich und strafbar." "Die Zensur ist berlebt. Sie hatte ihre Berechtigung in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg, als der deutsche Faschismus von den Allierten milit„risch vernichtet, aber die geistige Schlacht um Deutschland, um die Deutschen damit noch nicht entschieden war. Damals hatte die Zensur, „hnlich den Lebensmittelmarken, die Aufgabe, den allgemeinen Mangel zu ordnen, das Chaos zu verhindern und die Aufbauarbeit zu erm”glichen. Zu dem begnstigte die damalige historische Situation die Existenz einer Zensur, also das, was unsere neuere Geschichtsschreibung mit den seltsam verwaschenen Formulierungen `jene tragischen Ereignisse der dreiáiger Jahren in der Sowjetunion' und `zeitweilig aufgetretene Verletzungen der Leninschen Normen des Parteilebens' eher zu verdecken versucht, als zu benennen. Die Zensur h„tte zusammen mit den Lebensmittelmarken Mitte der fnfziger Jahren verschwinden mssen, sp„testens im Februar 1956." [This is an interesting passage, appearing at beginning and end to be granting censorship a valid historical niche, but in the middle undermining its validity even within that niche -- censorship was always already corrupt. Their was no exceptional Age of Aufbau.] "Die Zensur ist menschenfeindlich, feindlich dem Autor, dem Leser, dem Verleger, und selbst dem Zensor. Unser Land hat in den letzten zehn Jahren viele Schriftsteller verloren, unersetzliche Leute, deren Werke wir fehlen, deren Zuspruch und Widerspruch uns bek”mmlich und hilfreich war. Diese Schriftsteller verlieáen gewiá aus sehr verschiedenen Grnden die DDR. Einer der Grnde, weshalb diese Leute und ihr Land einander vermissen -- das eine weiá ich, das andere vermute ich: denn wie die Engl„nder sagen: `You can take the boy out of the country, but can't take the country out of the boy' -- einer der Grnde heiát Zensur." [Claims also regarding the consolidation of publishing houses in the West, the probable coming decline of Western Belletristik at the hands of the best-seller mentality, and the role of the socialist countres as a counter to all of this.] 58. "Die DDR wird gelegentlich als ein Leseland bezeichnet. Und wenn man die Zahlen der Auflagen und Auflagenh”hen liest, wenn man die stets berfllten Buchhandlungen und sich schnell leerenden Regale sieht, ist man geneigt, dieser Bezeichnung zuzustimmen. Das ist, bei aller erwiesenen Qualit„t, jedoch nicht das Verdienst unserer Literatur, sie ist nicht besser und nicht schlechter als die anderer L„nder. Auch wird bei uns nicht mehr und nicht weniger als in anderen L„ndern gelesen. Es werden hier jedoch weit mehr als in anderen L„ndern Bcher gelesen. Die korrekte Bezeichnung w„re also: Buchleseland. "Das Verdienst dafr gebhrt unserer Presse, unseren Medien. Ihre Zurckhaltung in der Berichterstattung und der verl„áliche Konsens ihrer Meinungen fhrte dazu, daá kaum ein Brger unseres Landes mehr als ein Paar Minuten sich mit ihnen zu besch„ftigen hat. Der Leser wird durch Neuigkeiten nur fr kurze Zeit abgelenkt und kann sich dann wieder unseren Bchern zuwenden, von denen er nicht nur Unterhaltung und Geschichten, sondern auch Neues und Wahres erhofft. "In den L„ndern ”stlich und westlich unserer Grenzen besch„ftigen Zeitungen, Zeitschriften und Medien das Publikum, halten sie mit Tagesnachrichten von einer sehr gewichtigeren Lektre, der des Buches, ab. Wir Autoren haben also Grund, unserer Presse dankbar zu sein." [The irony of the last paragraph is clear enough, and again undercuts all of the praise for the DDR as a readers' paradise.] [On art criticism -- nach Kantschen Meinungen.] "Bei der Betrachtung neu entstehender Kunst fehlt die Sicherheit, die Wissenschaft zu bieten hat. Der Kritiker zeitgen”ssischer Werke ist unberaten, und seiner Ratlosigkeit hilft er gelgentlich mit der Vehemenz des Urteils auf. Was er verkndet, ist und kann nicht mehr sein als lediglich seine Meinung, Und diese Meinung kann uns manchmal etwas vom Kunstwerk erz„hlen, immer aber ber die Person, uber den Kritiker. Die arroganteste, dmmlichste Kritik taugt immer noch als Offenbarungseid des Kritikers. Er erz„hlt in Inhalt und Stil vor allem ber sich selbst. Kritiker haben, anders als Autoren, dies bisher nicht wahrhaben wollen." "Unsere Gesellschaft hatte und hat einige Schwierigkeiten, mit Widersprchen zu leben, sie zu akzeptieren. Gew”hnlich werden allenfalls nichtantagonistische Widersprche anerkannt, also jene, die sich allein unter den Teppich kehren, wenn man sie nur betrachtet. In den letzten zehn Jahren aber hat selbst die Philosophie bemerkt, was dem Volk aus praktischer Anschauung immer bekannt war: Auch die sozialistische Gesellschaft hat wie jede Gesellschaft ihre unl”sbaren Widersprchen, die mit der Gesellschaftsform untrennbar verbunden sind und die nur mit der Ver„nderung der Gesellschaft aufhebbar sind. Wir haben zu lernen, mit ihnen umzugehen, ihre Bewegungen auszuhalten, und mehr noch: diese teilweise schmerzlichen Widersprche im Interesse der Entwicklung unserer Gesellschaft zu nutzen." [I like the "selbst." So much for DDR-Philosophie.] 59. ". . .Schriftsteller sind, denke ich, Chronisten. Schreiben ist nach meinem Verst„ndnis dem Bericht-Erstatten verpflichtet. Natrlich ist es die Chronik eines Schriftstellers, sie ist nicht objektiv, sondern sehr viel mehr: Sie ist eingreifend und realistisch und phantastisch und magisch, Poesie eben. Eine Chronik, die von einem Menschen, dem Schriftsteller, und seiner Welt erz„hlt und nur dann und nur dadurch von Interesse ist." "Jetzt, da dieses Priveleg [des Ausreisens] sich endlich in einem allgemeinen Recht aufzul”sen beginnt, ist ber eine andere Gefahr unserer Literatur zu sprechen, den Provinzialismus. Nicht alle haben die F„higkeit und Kraft wie Immanuel Kant, dieWelt in ein kleines K”nigsberg zu holen; sie mssen in die Welt, um sie zu erfahren, um sie erfassen zu k”nnen, um sie mit ihrer Kunst sinnlich begreifbar zu machen. Hinderlich sind dabei manche Beschr„nkungen, auch und nicht zuletzt die ”konomischen." [Call follows for a sozialistische M„zenatentum.]