Antonia Grnenberg. "Geschichte und Entfremdung; Christoph Hein als Autor der DDR." Michigan Germanic Studies. 8 (1985) 1-2. Pp. 229-251. 229. "Christoph Hein geh”rt zur jngeren Generation der Schriftsteller in der DDR. Es ist in der letzten Zeit viel ber ihr anderes Lebensgefhl, ber ihre mangelnde Bindung an die DDR, ber ihrem anderen Umgang mit der Sprache. Solche Gruppenzugeh”rigkeiten hinken, denn oft sind es nicht junge, sondern `„ltere' Autoren, die wirkliche Neuerungen in die Literatur einbringen (Heiner Mller, Christa Wolf). Auáerdem lassen sich auch in der DDR Schriftsteller nicht ber einem Kamm scheren. Dennoch soll am Beispiel Christoph Heins einmal der Frage nachgegangen werden, wie denn ein Autor, der in der DDR aufgewachsen ist, mit den beiden groáen Fragen der Literatur: `Geschichte' und `Leben in der DDR heute' umgeht." "Diese jugendliche Westerfahrung [Oberschule in Westberlin] ist deshalb von Bedeutung, weil sie die literarische Produktion Heins pr„gt. Es fehlt die Fremdheit gegenber dem Westen, die den Blick ganz junger DDR-Autoren, die noch nie im Westen waren, auszeichnet." 230. "Hein partizipierte auf der einen Seite an der klassischen Theatertradition der DDR. Er erlernte das Brecht-Theater, und zwar als Dramaturg und als Autor. Zugleich stand er in engem Kontakt mit Heiner Mller, der ebenfalls an der Volksbhne als Dramaturg arbeitete. Hein gestaltete in den siebziger Jahren „hnliche Thematiken wie Heiner Mller, einige davon offensichtlich als Paraphrase auf Mllers frhe Stcke. So schrieb er in den siebziger Jahren das Stck Schl”tel, das fast als Antwort auf Mllers Produktionsstcke aus den fnfziger und sechziger Jahren zu verstehen ist." [It might be added here how much more detached from its own idealism Hein's play is.] 232. [Comparing Cromwell and Mauser:] "[Die Bentzung des Waffenmarkes `Mauser' in Cromwell ist] eine deutliche Anspielung auf Heiner Mllers Revolutionsstck Mauser insofern, als Cromwells Situation dereines Mauser durchaus „hnlich ist. Auch er ist ein Soldat, der im Namen der Revolution t”tet. Nur ist der Unterschied der, daá ihn keiner zur Rechenschaft zieht, als seine Revolution sich gegen das Volk wendet. . . ." "Durch diese Zitate und Begriffe [in Cromwell] werden historische Bezge zur russichen Revolution von 1917, zur miáglckten deutschen Revolution von 1918, zum Stalinismus, zum Nationalsozialismus und sclieálich zur portugiesischen Revolution von 1974 regelrecht abgerufen. Das wirkt plakativ und desorientierend. Nimmt man das alles n„mlich w”rtlich, so wrde dieses Theaterstck die Lehre produzieren, daá alle Revolutionen gleich sind. Mir scheint jedoch, daá es Hein gar nicht um die Konkretheit der Assoziationen und Querverweise geht, sondern daá er die Lehnw”rter aus der sp„teren Geschichte einmal zu dem Zweck benutzt, um Geschichte als Kontinuit„t deutlich zu machen und zum zweiten, um Abstand zu schaffen und Identifikationen mit historischen Personen und Begebenheiten zu verhindern, um den Leser/Zuh”rer w„hrend des Lsens/Zuh”rens in einen Reflexionsprozeá zu versetzen, der ihn die ganze Zeit in Atem h„lt. Durch die fremden Begriffe und Zitate wird der Stoff erst einmal enthistorisiert, verfremdet, um das deutlcih zu machen, worum es dem Autor geht: um ein Nachdenken darber, daá jede Revolution ihren Umschlag in sich tr„gt." 235. Grnenberg claims that Hein is condemning in Cromwell the turn of Revolution against their people, much in the vein of Brechts famous suggestion that the SED vote in new people since it was so disappointed by the old one. 235-236. "Rudolph Mnz schreibt in seinem Nachwort zu den 1981 erschienen Theaterstcken von Christoph Hein, dieser erweise sich in der Abkehr vom Brecht-Theater und in der Skepsis gegenber dem `antizapatorischen Griff in die Geschichte' (gemeint ist Peter Hack-A.G.) als Angeh”riger der `neuen Generation der DDR- Dramatiker.' Ich habe in Christoph Hein (besonders in Cromwell) doch eher einen Schrifsteller des šbergangs [236] getroffen, einen, der eine Mittlerposition einnimmt, die ihn vor radikalen Infragestellungen bewahrt. Geht man nach der Radikalit„t des Umgangs mit Geschichte und Zukunft, so máten andere, u.U. auch „ltere Schriftsteller vor Christoph Hein genannt werden (Mller, Braun, C. Wolf). "Auf der anderen Seite begegnet dem Leser besonders in Heins Prosa sehr wohl das, was man als `Lebensgefhl' der jngeren und jngsten Schriftsteller in der DDR bezeichnet: Die Absage an ideologischeErkl„rungsmodelle und Beziehungsmuster, einb Feingefhl fr die Doppelb”digkeit und Gef„hrdetheit nicht nur schriftstellerischer, sondern menschlicher Existenz schlechthin." [There follows the example of DFF.] 240. [On the function of the Katherine memories.] "Gleichzeitig wird auf der Ebene der Selbstreflexion der Hauptfigur deutlich, daá diese Freundschaft mit den Jahren und der Entfernung immer mehr zur Projektion geworden ist, die sich nicht mehr einholen l„át, nicht bei der Freundin Katherine, nicht bei anderen Menschen. Katherine wird zum Symbol einer dauernden Niederlage und einer nicht endenden Sehnsucht." 240-241. [Everybody in the book suffers from the same malady Claudia has: inability or unwillingness to communicate, resulting from"disturbed relations with the environment" such as Claudia herself diagnoses in a woman:] "Die ganze Gesellschaft scheint unf„hig, miteinander zu kommunizieren; die Gesellschaft -- ein Geflecht von defekten Beziehung. Der Schluá liegt nahe, wenn man den ersten Eindruck der hermetischen, konstruiert wirkenden Geschlossenheit, den die Novelle mittelt, fr den ganzen nimmt. Dann w„re die Novelle die diagnostische Beschreibung einer Gesellschaft. Welche, w„re noch zu kl„ren. Bei mehrmaligem Lesen vermittelt sich mir jedoch eine zweite Mitteilungsebene ber den Zustand der Kranken und das Stadium der Krankheit. Und da erweist sich, daá das Bild l„ngst nicht so hermetisch geschlossen ist, wie der erste Eindruck suggeriert. Diese zweite Ebene ist gepr„gt von der st„ndigen Suche nach N„he, von der Furcht vor Verletzungen, von der Sehnsucht nach Geborgenheit. Wa fr eine t”dliche Mischung sich aus diesem beidem, [241] einander ausschlieáenden und erg„nzenden Ebenen ergibt, wird berdeutlich im Schluámonolog. . . ." [This amounts to the fairly simple point that Claudia independence is a defence against the dangers of closeness.] 244. Re: the Dream. The separation in time between the action of the dream and the sound accompanying it is supposed to be analogous to the speechlessness during the action, and to the lack of connection in Claudia's life between the events of it and her understanding of the events, when such an understanding occurs. Thus the dream is a picture of the incommensurability of thought, action, and experience. "So hat die Traumerz„hlung eher die Funktion eines Mottos, welches die wesentlichen Zge des Charakters der Hauptperson zusammenrafft, um sie dann in der Novelle selbst zu entwickeln und auszubreiten. Die Pers”nlichkeitsstruktur der Žrztin Claudia, die Hein dann in der Novelle ausbreitet, ist gepr„gt von Angst und Abwehr, von Sehnsucht und Gleichgltigkeit. Es ist das Gegenbild einer gelungenen Pers”nlichkeit. Die Hauptfigur besitzt kein stabile identit„t, keine `Mitte,' aus der heraus sie agieren k”nnte. Sie leidet an ihrem Leben und der sie umgebenden Gesellschaft. Gleichwohl wird in ihr eher das Abbild eines Opfers vorgefhrt, als das Opfer selbst. Die Distanz, die der Autor in seine Schreibhaltung legt, l„át den Leser auf diesen Gedanken kommen." [A valuable comment about he deferral and fragmentation of Claudia's personality. She has images of action, not action; versions of a self, but no self. The question I am pursuing is why this is so, the the working of the book at least.] 244-245. Hein's use of the anti-hero in DDR-Lit. isn't altogether new (it is already present in Wolf, Gertie Tetzner, Erich Loest, Jurek Becker), but it differs in the manner of presentation. There is no way out of Claudia's situation for the reader; the other anti heroes shatter against their surrounding, but Hein's "hermetic" approach is more radical. 245. "Bei Christoph Hein ist von Scheitern nicht die Rede, im Gegenteil: Hier handelt es sich um den durchschnittlichen Lebenserfolg: Die Hauptperson gibt beruflich keinen Anlaá zur Klage, weder sich selbst noch anderen. Sie funktioniert konfliktlos, aber eben dieses Funktionieren ist ein Korsett, hinter dem sich die nackte Verzweiflung verbirgt. Ein Aussteigen daraus aber h„tte keinen Sinn, dann wrde das innere Chaos vollends nicht mehr geb„ndigt werden k”nnen. Es handelt sich also nicht um Scheitern, sondern um eine unter den gegenw„rtigen Verh„ltnissen unl”sbare Lebensdisposition. -- Und die ist freilich ein viel st„rkerer Antipode zu den klassischen Helden der Literatur in der DDR, als sie die `Verweigerer' je sein k”nnen." [This description of Claudia makes her seem like the perfect Mllerschen Machine-Person, the functioning, thoughtless cog. Or would-be thoughtless. The interpretation of Claudia's situation as hopeless -- in part because of the worse alternatives -- seems to agree with Hein's assessment of her, that she has no way out, but that this is not generalizable as a rule for everybody in modern society.] Universality of the book mentioned -- the spiritual cost of capitalism and Socialism not different from one another. 245-246. Hein is quoted as having said that DFF is a very optimistic book (Februar 1984 bei einer Lesung in der Frankfurter Autorenbuchhandlung). Two points cited by G. to explain Hein's statement: the dream, which suggests that even though Claudia is in a mess, it is good that she keeps going, keeps moving across the bridge, as it were; and the relation of thge reader to the text, particularly the reader's capability of rejecting as monstrous the life portrayed. 246. "Es ist eines der Markenzeichen in den Arbeiten von Christoph Hein, daá er sich st„ndig den Versuchung, Identifikationsfiguren zu schaffen, entzieht. Die heftige Reaktion der Leser in der DDR (und auch in der Bundesrepublik), die zum Teil ablehnenden Reaktionen (etwa der Art, so etwas Schreckliches gebe es gar nicht, so schlimm sei das Leben denn doch nicht) wertet Hein als ein positives Zeichen fr den Zustand seiner Leserschaft, der auf die Novelle zurckwirke. šberraschend -- und auch wieder nicht. Die Novelle is ja keine Zustandbeschreibung, sondern eine modellhafte Konstruktion mit wirklichkeitsnahen Elementen. Sie soll den Leser nicht zur Identification -- und damit zur Beruhigung mit den bestehenden Verh„ltnissen -- sondern zur kritischen Auseinandersetzung, zum Bewuátwerden der eigenen Verh„ltnisse anregen." [This agrees with my observation about the odd splits in the characters -- both attractive and repulsive. You can never safely identify with or dismiss a character.] 247. Hein's theme in "Einladung" is "Der Intellektuelle und die Macht." 250. G. reads Raqcine too unironically and winds up criticizing Hein for letting him think that one can partake of power without fatally dirtying oneself. Isn't it clear though the Racine is rationalizing like crazy?